Die Mutter aller Systeme? Wer langfristig in der Intralogistik mit einem voll vernetzten System bis zur letzten Radmutter plant, wird am Thema Lokalisierung nicht vorbeikommen. Mit Hilfe der Lokalisierung können Waren, Transportbehälter und sämtliche Fahrzeuge verortet und erfasst werden. Unscheinbar? Möglicherweise, aber wer genauer über die Steuerung einer Flotte oder von Materialflüssen nachdenkt, landet immer wieder am gleichen Ausgangspunkt: „Wo sind meine Fahrzeuge?“ Erst aufbauend auf diese Information lassen sich Staplerleitsysteme realisieren oder gar in der Endausbaustufe ein komplettes Warehouse-Management-System auf die Beine stellen. Doch der Reihe nach, fangen wir mit dem ersten Schritt an. Ich hatte hierzu die Gelegenheit, mich mit Colin Flint, Ferdinand Bardens und Franziska Klein zu unterhalten, die im Bereich Connected Solutions bei Linde an den Systemen der Zukunft arbeiten, die für mich persönlich die wegweisende Zukunft der Logistik darstellen.

Sicherheit zuerst: Menschen sind wichtiger als Kisten

Wir müssen wissen, wo sich die Fahrzeuge und wo sich die Menschen befinden. Warum? Colin Flint dazu: „Safety first, which means people before boxes!„. Auf der Roadmap (dem Entwicklunsplan des Gesamtsystems) steht die Zonenkontrolle ganz vorne auf der Umsetzungsliste. Dafür werden im Raum – sei es Lagerhalle oder Produktion – Areale, virtuelle Bereiche definiert, die Tempozonen darstellen. Das Fahrzeug wird bei Einfahrt in eine Zone automatisch bis zur für diese Zone definierten, maximal erlaubten Geschwindigkeit begrenzt. Mehr noch: Mitarbeiter werden bei Betreten von Gefahrenzonen explizit gewarnt. Denken wir uns das einen Schritt weiter, um die Möglichkeiten zu verdeutlichen: In einer weiteren Ausbaustufe des Systems ist damit eine exzellente Crash-Safety gegeben. Kein Mensch muss mehr zu Schaden kommen, kein Fahrzeug muss mehr mit einem anderen zusammenstoßen. Wenn das System weiß, wo sich A und B befinden, kann es damit einen Zusammenstoß verhindern. Eines ergibt das andere.

Der Logistikmanager behält natürlich sämtliche Ortungsdaten auf einer Karte im Auge. Er kann zudem Zonen ebenso wie Tempolimits dynamisch umstellen:

WOMH 2016 - Lokalisierung

 

Die technische Grundlage dafür stellt Linde Material Handling hier auf der WoMH vor – und zwar das Tagging-System, das mit dem Lokalisierungsspezialisten Quantitec entwickelt wird und das es überhaupt erst ermöglicht, Mitarbeiter, Maschinen, Behälter etc. exakt zu orten. Stellen Sie sich das wie in einem Spionagefilm vor, kleine Ortungsgeräte, die am Auto angebracht werden, um die aktuelle Position auf dem Bildschirm verfolgen zu können. In der Intralogistik muss die Technik zuallererst einmal robust sein und dann muss sie zudem auch noch in Gebäuden funktionieren. Deshalb wird hier auf die Triangulation per Funk gesetzt, zusätzliche Sensoren sorgen für zusätzliche Genauigkeit – bis auf 2 Zentimeter genau. Das ist ein weitaus besserer Systemansatz als GPS, an das man womöglich zuerst denken würde. Aber GPS im Innenbereich? Schwierig. Das Signal wird von Wänden und Decken abgeschirmt und die Präzision lässt zu wünschen übrig.

Schauen wir uns hierzu ein kurzes Demonstrationsvideo an, das die Idee vermittelt. Achten Sie auf die roten Punkte, die sich bewegen und Fahrzeuge bzw. Menschen darstellen. Sie werden zudem sehen, wie ein Mitarbeiter eine Zone betritt, die in dem Moment aus visuellen Demonstrationszwecken auf die Farbe Grün umschaltet.

Weiterentwicklung und Ausblick

Alles beginnt mit diesem Ortungssystem. Daher ist die Bezeichnung „Mutter aller Systeme“ überhaupt nicht unpassend, um die Bedeutung zu manifestieren. Sobald das installiert ist, öffnen sich sämtliche Türen für alles Weitere. Im zweiten Schritt auf der Roadmap steht daher die Umsetzung eines Staplerleitsystems auf der Agenda. In der finalen Ausbaustufe reden wir dann über ein komplettes Warehouse-Management-System, kurz WMS: 1. Die Order geht in das ERP-System ein, 2. das WMS weiß exakt, wo das nächste, verfügbare, geeignete Fahrzeug steht, 3. denn jedes Fahrzeug bzw. jeder Fahrer mit Fahrzeug meldet seinen Standort und ob gerade ein Auftrag ausführt wird, 4. um dann den Auftrag dem optimal positionierten Fahrzeug zuzuweisen, das den Auftrag ausführt und 5. die georderte Ware zur Versand- und Auslieferungszone bringt – Auftrag erledigt.

Einordnung

Man kann es aus meiner Sicht nicht genügend betonen: Derartigen Systemen gehört die Zukunft. Analoge Maschinen ohne Sensorik, ohne Vernetzung gehört die Zukunft im Museum. Wer jedoch intelligentere Lösungen sucht, die Logistik nicht mehr dem Zufall én Detail überlassen, wird an diesem Themenkomplex nicht vorbeikommen. Und machen wir uns nichts vor, wir sehen heute nur die ersten Ansätze, die das gesamte Potential mit allen erdenklichen Vorteilen erahnen lassen, z.B. Verkehrsflussplanung auf Basis von retrospektiven Heatmaps um Hotspots und Schadensschwerpunkte zu entschärfen.

Ich war regelrecht erschrocken zu hören, dass heute diese Prozesse in vielen Unternehmen noch auf Zuruf oder per Laufzettel erfolgen. Sprich: Schallwellen oder Papier! Niemand weiß genau, welcher Auftrag just erledigt wurde, wo sich die Fahrzeuge aufhalten, wie ihr Zustand ist, welcher Fahrer auf welchem Fahrzeug sitzt. Unfassbar! Ich hatte mir das  im 21. Jahrhundert weitaus moderner vorgestellt. Doch gerade da sehe ich die Chance. Traditionelle Lagerführung in der Breite für alle Kunden auf den Stand der digitalen Technik zu bringen. Für mich ist daher das Thema Vernetzung und insbesondere die Indoor-Lokalisierung mein persönliches Highlight!